Transport von 6 Mio. Tonnen

Das häufigste Argument, welches ich in der Vergangenheit zu hören bekam, war die Behauptng, es sei schlicht unmöglich, nur mit Menschenkraft die für die Große Pyramide notwendigen 6 Mio. Tonnen Gestein in 20 Jahren von Punkt A nach Punkt B zu bewegen. Oder nur mit einer solch riesigen Zahl von Arbeitern, da diese sich auf der Baustelle gegenseitig totgetreten hätten. Um es technisch auszudrücken: die "Leistungsdichte" eines Arbeiters ist zu gering, verglichen mit einer Maschine.
Dieses Problem ist das Paradebeispiel für einen einfach zu klärenden Disput (bei dem sich die Frage stellt, warum der Fragesteller die einfache Berechnung nicht selbst ausgeführt hat).
Schauen wir uns also eine kleine "Milchmädchenrechnung" an, die nur dazu dienen soll abzuschätzen, ob die Masse der Pyramide über die notwendige Wegstrecke überhaupt bewegt werden kann.

Gehen wir davon aus, daß ein Arbeiter "eine Portion Stein" von 40 Kilogramm nehmen und in eine Kraxe auf dem Rücken stopfen kann. Damit klettert er die Pyramidenbaustelle irgendwie, auf Leitern oder Treppen, hinauf. (Das Gewicht ist kein Problem, ich bin mit ähnlichen Gewichten im Rucksack schon tagelang durch unwegsames Gelände gekraxelt - und in Nepal sah ich, wie uns Träger mit 50 und mehr Kilo am Berg davonrannten.)

Die durchschnittliche Transporthöhe (alle Transporte geteilt durch alle Wege) liegt da, wo 50% der Steine verbaut wurden. Da eine Pyramide unten mehr Material benötigt als oben, ist dieser Punkt schon in knapp 30% der Pyramidenhöhe erreicht. Unser wackerer Arbeiter muss daher im Schnitt 50 Meter hoch klettern, um seine Last loszuwerden.
Geben wir ihm für jeden Meter eine Minute, und noch 10 Minuten um die Steine auf der Baustelle abzukippen, und eine halbe Stunde Abstieg und Pause, schafft er demnach in 10 Stunden Arbeitszeit rund 265 Kilogramm auf die Baustelle. Die Pyramide wiegt ca. 6 Mio. Tonnen- unser Held der Arbeit benötigt also rund 23 Mio. Tage für den Steintransport. Das sind 62000 Jahre.

Anders herum betrachtet: 62000 Arbeiter hätten gerade mal ein Jahr gebraucht, um die notwendige Menge auf dem Rücken zu schleppen! Bezogen auf die Bauzeit von 20 Jahren wären 3100 Arbeiter nötig, die in konstantem Strom Steine auf die Pyramide tragen.
Wie sieht es jetzt mit der "Arbeiterdichte" aus? Ich gehe zur Vereinfachung aus, daß die Pyramide für unsere Abschätzung von zwei Seiten bestiegen und von den beiden anderen Seiten verlassen wird. Sie hat eine Basisbreite von 230 m, zur Besteigung und zum Verlassen der unteren Ebene stehen also 460 m zur Verfügung. Gehen wir nun von einer unendlichen Anzahl von Arbeitern aus, dann können also GLEICHZEITIG! 300-400 Arbeiter auf die Pyramide gelangen und sie auch wieder verlassen. Taktet man den Arbeitsfluß in einem 10-Sekunden-Rhytmus, können alle 10 Sekunden 12-16 Tonnen auf die Pyramide geschafft werden! Notwendig sind aber nur knapp 280 kg in dieser Zeitspanne (6 Mio Tonnen in 20 Jahren = 300000 t/Jahr = 1000 t/Tag = 100 t/Stunde = 277 kg/10s) - die theoretisch mögliche Transportmenge liegt trotz der geringen "Leistungsdichte" eines Menschen also fast um den Faktor 60 über der notwendigen.
Auf der 50%-Höhe ist die Eintrittsseite immer noch 151 Meter breit, es stehen also über 300 m zur Verfügung, über die locker 250-300 Arbeiter Zutritt haben - bei der halb fertiggestellten Pyramide könnten immer noch 40-50 mal so viele Steine transportiert werden wie nötig sind. Wie man sieht gibt es keinen Grund, den Einsatz menschlicher Transortarbeiter als Ausschlusskriterium zu werten.

Steinsänfte
Fig. 1 - Hypothetische Steintrage
Natürlich kann man dieses Problem auch auf die in Wirklichkeit verbauten 2.5 t-Blöcke erweitern: Legt man einen solchen Block zum Beispiel auf ein Transportgerüst aus stabilen Balken, müßten rund 60 Arbeiter zupacken, um einen solchen Stein mit je 40 Kilogramm tragen zu können. Mit einer sänftenähnlichen Vorrichtung mit je 8 Arbeitern an jeder der Tragestangen vorne und hinten, und je 7 an jeder der Tragestangen rechts und links wäre das Problem zu lösen gewesen. Außerdem werden die Steine nach oben hin immer kleiner. Die nahe der Spitze der Cheopspyramide verlegten Blöcke wiegen deutlich weniger als eine Tonne, konnten daher tatsächlich von wenigen Arbeitern getragen werden.

Keine Seile in Ägypten?

Das gängige Transportmodell heutzutage geht aber nicht von Steinträgern, sondern von seilgezogenen Schlitten aus, in Ausnahmefällen auch von Steinblöcken, die direkt auf dem Boden geschleift wurden. Voraussetzung für diese Technik sind natürlich Seile. Nichts besonderes also, sollte man meinen.
Aber wie Sie vielleicht wissen gibt es eine Reihe von Leuten, die den Bau der Pyramiden durch Menschen für unmöglich erklären wollen. Der herausragendste Vertreter dieser Zunft, Erich von Däniken, versucht daher, bereits diese Grundfeste zu erschüttern. Denn, so erfährt der erstaunte Leser seines Buchs Die Augen der Sphinx: Die Ägypter hatten wohl keine verwendbaren Seile! Zitat:

Sind die tonnenschweren Blöcke mittels Seilen die Gerüstrampen hochgezerrt worden? Ohne Seile, da sind sich die Fachleute einig, ging gar nichts. Es muss sie wohl gegeben haben, obwohl niemand einen Eid darauf schwören kann. Auf einem Relief an der Grabwand des Gaufürsten Djehutihotep (um 1870 v. Chr.) ist dargestellt, wie hundertsiebzig Mann mittels Seilen eine Kolossalstatue durch die Wüste schleifen, und aus einem Dokument der Zeit Amenemhets I. (1991-1962 v. Chr.) werden Seile erwähnt. ... Als Beweis taugt all dies wenig, denn zwischen dem Bau der großen Pyramide und Amenemhet I. liegen gute fünfhundertfünfzig Jahre. ... So oder so: Ohne Seile bewegte sich auf dem Bauplatz »Cheops« nichts, man muss ihr Vorhandensein stillschweigend voraussetzen.[1]

Soso, niemand schwört einen Eid auf die Existenz von Seilen im Alten Reich? Man muss sie stillschweigend voraussetzen? Mitnichten, Herr von Däniken.
Wie so oft (und wiederholt auf meiner anderen Seite demonstriert) kennt Herr von Däniken nicht einmal die elementarste Literatur zum Thema. Das Standardwerk zur Materialkunde in Ägypten ist das von Alfred Lucas bereits 1926(!) erstmalig erschienene "Ancient Egyptian Materials", welches in Zusammenarbeit mit dem Chemiker J. R. Harris 1962 in seiner endgültigen Fassung unter dem Titel "Ancient Egyptian Materials and Industries veröffentlicht wurde. Dort kann man über Seile folgendes erfahren:[2]

Alleine in der Bootsgrube des Cheops fand man Hunderte Meter sorgfältig angefertigtes Tauwerk, da das Schiff in einer für Ägypten typischen Flechtkonstruktion gefertigt war, die Ohne Seile überhaupt nicht funktioniert hätte. Hier zwei Beispiele aus dem Bootsmuseum südlich der Cheopspyramide:

Seile Seile und Knoten
Fig. 2 & 3 - 4500 Jahre alte Seile im Bootsmuseum in Giza

Wie gesagt, das Buch in dem Däniken hinreichende Antworten gefunden hätte, erschien in seiner Endfassung 1962, ganze 5 Jahre vor Dänikens Erstling. Und 27(!) Jahre vor Augen der Sphinx!
Wie schon so oft verwandelt Däniken hier seine völlige persönliche Unkenntnis zu einem Welträtsel. Da kommt man schon ins Grübeln. Versucht man allerdings, ihn festzunageln, kommt sein berühmtestre Spruch: Er möchte ja keine Lösungen geben, sondern lediglich Fragen stellen. Nun, vielleicht sollte er sich aber DOCH manchmal um die Antworten kümmern, bevor er sich durch das Stellen längst beantworteter Fragen lächerlich macht.

Aber damit nicht genug. Er und andere Autoren bestreiten, daß Seile, selbst wenn es sie gegeben habe, reißfest genug seien[3]. Naturfasern, so die offenkundige Meinung, seien minderwertig.
Ein großer Irrtum. Die Reißfestigkeit von Naturfasern wie des Manilahanfs liegen im Bereich eines Stahldrahts, aber auch die den Ägyptern zur Verfügung stehenden Materialien müssen sich nicht verstecken. Die Reißfestigkeit einer Flachsfaser (die, wie oben gesehen, im Alten Reich die meistverwendete Faser gewesen ist) liegt bei 450-800 MPa[4].
MPa bedeutet "Mega-Pascal" und wird in Newton pro Quadratmeter angegeben. "Newton" ist eine Krafteinheit, und ist als "Meter * Kilogram/s2" definiert. Ein Kilogramm im Schwerefeld der Erde übt daher die Gewichtskraft von knapp 10 Newton aus.
Das bedeutet, daß eine Flachsfaser von einem Quadratmeter Querschnittsfläche, die bei einem Zug von 450-600 Millionen Newton reißt, 45-80 Millionen Kilogramm (45000 - 80000 Tonnen!!!) tragen kann!
Anders formuliert: Eine Einzelfaser von einem Quadratmillimeter Querschnitt könnte zwischen 45 und 80 kg an Last aushalten!
Hanf und Palmfaser liegen rund 20% über diesem Wert und kommen bei bester Qualität in den Giga-Pascal-Bereich!
Leider gibt es so dicke Einzelfasern nicht, ein Seil kommt normalerweise leider nur auf rund 10% der Reißfestigkeit der Einzelfaser. Das liegt unter anderem daran, daß die Einzelfasern, die zu einem Garn versponnen werden, normalerweise recht kurz sind (wenige Zentimeter). Ein Flachsseil von einem Quadratmillimeter Querschnitt kann daher 4.5 bis 8 kg tragen. Eine 8 mm dicke Reepschnur aus Flachs hätte damit immerhin eine Tragkraft von 225-400 kg! Palmseile sind allerdings noch reißfester, da sie eine größere Faserlänge besitzen, für sie können wir 6-10 kg pro Quadratmillimeter ansetzen.
Kommen wir nun zu den ägyptischen Seilen: In den Steinbrüchen von Tura, wo der Kalk für die Pyramidenmäntel gebrochen wurde, wurden 1942 und 1944 große Mengen antiker Seile aus Papyrusfasern gefunden, die in zwei Stärken vorkamen: 1 1/4 Zoll (3,17 cm) und 2 1/2 Zoll (6,35 cm) stark[5]. Diese hätten also als Flachsseile[6] nach unserer obigen Betrachtung eine maximale Zugkraft von 3551-6314 kg (35-63 KN) bzw. 14251-25335 KG (142-253 KN). Zwei bis drei der dickeren Seile wären also für das senkrechte Heben selbst der schwersten Steine der Cheopspyramide ausreichend gewesen. Obwohl dies überhaupt nicht nötig ist, wie wir auf den folgenden Seiten sehen werden.

Wir sehen also, daß wir uns um die Seilfrage keine Gedanken machen müssen, und uns lieber um die wichtigen Punkte des Pyramidenbaus kümmern können.

Anmerkungen:
[1] Däniken, Erich; Die Augen der Sphinx, Bertelsmann 1989, S. 161 f
[2] Lucas, A. & Harris, J.R.; Ancient Egyptian Materials and Industries, E. Arnold 1962, S. 134 ff
[3] zum Beispiel Däniken, Sphinx S. 176
[4] Faserinstitut.de
[5] Lucas/Harris, S. 135
[6] Leider habe ich keine genauen Angaben zur Reißfestigkeit der Papyrusfaser gefunden, sie dürfte aber im Bereich zwischen der Flachs- und der Palmfaser liegen, und auch die Faserlänge von bis zu 2.5 Metern liegt im Bereich der Palmfasern.
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Alle Bilder und Texte © Frank Dörnenburg